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Notizen, Reflexionen und Leitfäden aus dem Atelier — für Künstler, Aussteller und Sammler mit Interesse an zeitgenössischer Abstraktion und der Welt der Ausstellungen.

Tiere in abstrakter Kunst: Präsenz ohne Abbild
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Tiere in abstrakter Kunst: Präsenz ohne Abbild
Atelier-Notizen

Tiere in abstrakter Kunst: Präsenz ohne Abbild

Oktober 2026 8 Min. Lesezeit

Ein Tier muss nicht erkennbar gemalt sein, um im Bild gegenwärtig zu werden. Bewegung, Kontur, Rhythmus und Material können seine Präsenz tragen.

Tiere in abstrakter Kunst müssen nicht durch Fell, Augen, Flügel oder eine vollständige Silhouette erkennbar sein. Manchmal genügt eine gespannte Linie, eine abrupte Richtungsänderung oder ein konzentriertes Farbfeld, um etwas Wachendes, Flüchtendes oder Schwebendes anzudeuten. Das Tier erscheint dann nicht als Illustration, sondern als Präsenz.

Diese Verschiebung verändert auch die Art des Sehens. Die Frage lautet nicht mehr zuerst: Welches Tier ist dargestellt? Interessanter wird, welche körperliche Qualität im Bild spürbar ist. Liegt darin Ruhe oder Alarmbereitschaft? Wirkt eine Form schwer, gleitend, verletzlich oder widerständig? Die abstrakte Bildsprache öffnet einen Raum, in dem tierische Eigenschaften wahrgenommen werden können, ohne das Werk auf eine einzige Art oder Bedeutung festzulegen.

Tiere in abstrakter Kunst: Vom Körper zur Qualität

Ein gegenständliches Tierbild beschreibt meist einen identifizierbaren Körper. Abstraktion kann einen anderen Weg nehmen: Sie löst einzelne Merkmale aus der sichtbaren Anatomie und übersetzt sie in bildnerische Beziehungen. Aus einem Rücken wird ein Bogen, aus einem Sprung eine Diagonale, aus einem Schwarm ein Rhythmus. Ein Tierkörper kann sich in Richtung, Gewicht, Spannung oder Abstand verwandeln.

Das MoMA beschreibt Constantin Brancusis Skulptur Fish von 1930 nicht einfach als Abbild eines Fisches, sondern als Verkörperung einer Idee. Flossen, Schuppen, Kopf und Schwanz sind zu einer glatten, gestreckten Form reduziert. Die Skulptur vermittelt Bewegung durch ihre Silhouette, das geäderte Material und den wechselnden Eindruck beim Umrunden. Das Beispiel zeigt, wie weit sich eine Form vom anatomischen Detail entfernen kann, ohne den Bezug zum Tier vollständig zu verlieren.

Für die Malerei bedeutet das: Nicht jedes charakteristische Merkmal muss erhalten bleiben. Entscheidend ist, welches Merkmal die gewünschte Präsenz trägt. Bei einem Vogel könnte es weniger der Flügel als das Verhältnis von Auftrieb und Fall sein. Bei einer Katze vielleicht nicht das Gesicht, sondern die gespannte Ruhe vor einer Bewegung. Bei einem Meerestier kann eine seitliche Verschiebung oder ein gleitender Übergang wichtiger sein als seine Kontur.

Bewegung beobachten, bevor eine Form entsteht

Tiere werden häufig über ihre Körperform erkannt. Ebenso prägend ist jedoch ihre Art, Raum zu durchqueren. Ein Insekt setzt andere Rhythmen als ein Pferd; ein Vogel teilt den Raum anders als ein Tier, das sich nahe am Boden bewegt. Wer tierische Präsenz abstrahieren möchte, kann deshalb mit Beobachtung beginnen, ohne sofort zu zeichnen.

Hilfreiche Fragen sind:

  • Ist die Bewegung kontinuierlich oder von Pausen unterbrochen?
  • Führt sie geradlinig, kreisend, tastend oder plötzlich durch den Raum?
  • Wo liegt das sichtbare Gewicht?
  • Welche Richtung wird begonnen, welche wieder verlassen?
  • Wie verändert sich die Umgebung durch Nähe, Geschwindigkeit oder Stillstand?

Aus diesen Beobachtungen entsteht ein Vokabular aus Linien, Flächen und Abständen. Eine Folge kurzer, voneinander getrennter Spuren kann Wachsamkeit oder schnelles Tasten vermitteln. Eine breite Kurve kann gleiten, tragen oder umschliessen. Zwei Formen, die fast aneinanderstossen, erzeugen eine andere Spannung als eine einzelne Form in weitem Freiraum.

Das Tier wird auf diese Weise nicht versteckt. Es wird in ein System von Kräften übersetzt. Die sichtbare Spur bewahrt etwas von seiner Bewegung, ohne sie vollständig zu erklären.

Kontur ist nicht dasselbe wie Umriss

Ein Umriss grenzt einen Körper nach aussen ab. Eine abstrakte Kontur kann mehr leisten: Sie kann auftauchen, abbrechen, sich verdoppeln oder in eine Fläche übergehen. Dadurch entsteht keine geschlossene Figur, sondern eine Richtung, die der Blick weiterführt.

Die National Gallery of Art unterscheidet in ihrem Material zum Element Form zwischen geometrischen und biomorphen Formen. Biomorphe Formen sind häufig gerundet und unregelmässig; sie erinnern an Dinge, die wachsen, fliessen oder sich bewegen. Diese Offenheit macht sie für abstrakte Tierbezüge besonders ergiebig. Eine biomorphe Form kann an einen Körper erinnern, ohne eine bestimmte Spezies festzuschreiben.

Interessant wird die Kontur dort, wo sie nicht alles zeigt. Eine Linie, die nur einen Teil einer möglichen Gestalt umfasst, aktiviert die Wahrnehmung. Betrachtende ergänzen, vergleichen und verwerfen eigene Lesarten. Vielleicht erscheint für einen Moment ein Rücken, ein Schnabel oder eine Flosse. Im nächsten Blick wird dieselbe Linie wieder zu einer reinen Bewegung.

Diese Mehrdeutigkeit sollte jedoch nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden. Eine offene Form benötigt innere Präzision: einen überzeugenden Verlauf, ein bewusstes Ende und eine Beziehung zu den übrigen Bildteilen. Sonst bleibt sie bloss unentschieden.

Farbe kann Verhalten tragen

Farbe muss kein natürliches Fell, Gefieder oder Hautbild wiedergeben. Sie kann eine Verhaltensqualität vermitteln. Ein konzentriertes dunkles Feld kann Gewicht oder Rückzug erzeugen. Ein heller Akzent kann wie eine kurze Wahrnehmung aufscheinen. Stark voneinander getrennte Farben wirken anders als Töne, die sich an ihren Grenzen vermischen.

Franz Marcs Stables von 1913 bietet dafür einen kunsthistorischen Bezugspunkt. Das Guggenheim beschreibt fünf rote, blaue und weisse Pferde, die in ein Gefüge aus parallelen und sich kreuzenden Diagonalen eingebunden sind. Die Tiere bleiben erkennbar, doch Farbe und geometrische Struktur verbinden ihre Körper mit dem gesamten Bildraum. Das Tier ist hier nicht isoliertes Motiv; es wird Teil eines grösseren Rhythmus.

Für eine heutige abstrakte Arbeit lässt sich daraus kein allgemeines Farbschema ableiten. Wertvoll ist vielmehr das Prinzip: Farbe kann Körper und Umgebung verbinden, statt das Tier lediglich auszufüllen. Sie kann eine Spur fortsetzen, eine Grenze auflösen oder eine Präsenz verdichten.

Dabei lohnt es sich, vertraute Symbolik kritisch zu prüfen. Schwarz bedeutet nicht automatisch Gefahr, Rot nicht zwingend Aggression und Blau nicht immer Ruhe. Wirkung entsteht aus Nachbarschaft, Sättigung, Helligkeit, Menge und Material. Eine kleine rote Setzung in einer grossen gedämpften Fläche spricht anders als ein Bild, das vollständig von Rot getragen wird.

Material macht Nähe körperlich

Tierische Präsenz kann auch über Material entstehen. Raue, dichte und glatte Zonen erinnern nicht zwingend an Fell, Schuppen oder Haut; sie können dennoch Vorstellungen von Schutz, Reibung, Verletzlichkeit oder Widerstand auslösen. Entscheidend ist, dass das Material eine bildnerische Funktion übernimmt und nicht bloss eine Oberfläche imitiert.

Eine transparente Schicht lässt eine frühere Spur weiterleben. Eine deckende Setzung kann sie unterbrechen. Flüssige Übergänge wirken anders als trockene, körnige Kanten. Solche Unterschiede schaffen eine körperliche Nähe, obwohl kein Körper vollständig erscheint.

Auch das Format beeinflusst diese Wirkung. Eine kleine, konzentrierte Arbeit kann den Eindruck einer vorsichtigen Annäherung erzeugen. Ein grosses Format versetzt Betrachtende dagegen in ein Verhältnis zum Bild, das stärker vom eigenen Körper geprägt ist. Eine Linie wird dann nicht nur gesehen, sondern beinahe als Weg oder Grenze erlebt.

Materialität ist deshalb kein nachträglicher Effekt. Sie entscheidet mit, ob die tierische Anmutung leicht, schwer, still, geschützt oder ausgesetzt erscheint.

Blickrichtung ohne gemaltes Auge

Augen sind ein starkes Zeichen. Sobald sie auftauchen, suchen Betrachtende nach Gesicht, Absicht und Emotion. Abstrakte Kunst kann den Eindruck des Beobachtetwerdens jedoch auch ohne gemaltes Auge erzeugen. Eine kleine Verdichtung innerhalb einer offenen Form, eine wiederkehrende ovale Setzung oder eine Linie, die sich gegen den übrigen Bewegungsfluss richtet, kann Aufmerksamkeit bündeln.

Dabei entsteht ein Wechselspiel: Betrachtende prüfen das Bild, während das Bild scheinbar zurückblickt. Diese Wirkung bleibt fragil. Wird das Zeichen zu eindeutig, verwandelt sich die offene Präsenz rasch in eine konkrete Figur. Wird es zu schwach gesetzt, verliert es seine Funktion.

Eine mögliche Arbeitsweise besteht darin, das vermeintliche Auge zunächst einzusetzen und später teilweise zu überlagern, zu verschieben oder durch eine rein formale Verdichtung zu ersetzen. So lässt sich prüfen, wie wenig Information notwendig ist, damit Wachheit oder Gegenwart erhalten bleiben.

Zwischen Einzeltier, Gruppe und Schwarm

Tierische Präsenz verändert sich, sobald mehrere ähnliche Formen auftreten. Ein Einzeltier kann Nähe, Konzentration oder Isolation auslösen. Eine Gruppe erzeugt Beziehungen: Schutz, Konkurrenz, Orientierung oder gemeinsame Richtung. Ein Schwarm löst den einzelnen Körper weitgehend in Rhythmus auf.

Für abstrakte Malerei ist besonders interessant, dass Wiederholung nie vollkommen gleich sein muss. Kleine Verschiebungen in Grösse, Abstand oder Richtung verhindern ein mechanisches Muster. Sie lassen die Formen reagieren. Eine einzelne Abweichung kann den gesamten Rhythmus neu lesen lassen: als Wendepunkt, Störung oder Beginn einer anderen Bewegung.

Hier berührt das Tierische grundlegende Fragen abstrakter Komposition. Wie viele ähnliche Zeichen bilden eine Einheit? Wann wird eine Gruppe zur Fläche? Wo entsteht Führung, wo ein Gegenstrom? Solche Fragen erlauben eine Bildordnung, die lebendig wirkt, ohne eine konkrete Szene erzählen zu müssen.

Naturbezug ohne romantische Vereinfachung

Tiere werden in der Kunst häufig mit Freiheit, Unschuld, Stärke oder Instinkt verbunden. Solche Begriffe können einen Einstieg bieten, bergen aber die Gefahr, komplexe Lebewesen auf menschliche Projektionen zu reduzieren. Ein Tier ist nicht nur Symbol. Es besitzt eine eigene Körperlichkeit, Wahrnehmung und Art, mit seiner Umgebung in Beziehung zu treten.

Eine sorgfältige abstrakte Annäherung beginnt deshalb eher bei Beobachtung als bei Zuschreibung. Wie verhält sich ein Körper zur Schwerkraft? Wie wird Distanz gewahrt? Welche Bewegung wiederholt sich? Was verändert sich, wenn ein Tier ruht? Aus diesen Fragen können Formen entstehen, die Respekt vor dem Gegenüber bewahren und dennoch offen für künstlerische Transformation bleiben.

Auch die SFMOMA beschreibt bei Alexander Calder einen Weg, Natur nicht nur über sichtbare Formen zu übersetzen. Seine abstrakten Arbeiten bezogen sich ebenso auf Bewegung und auf Kräfte, die nicht unmittelbar sichtbar sind. Für tierische Bildwelten eröffnet das eine produktive Perspektive: Nicht allein der Körper kann Ausgangspunkt sein, sondern auch Energie, Gleichgewicht, Reaktion und Zeit.

Offenheit braucht eine klare Entscheidung

Ein abstrakter Tierbezug muss nicht von allen Betrachtenden erkannt werden. Dennoch sollte im Bild eine bewusste Entscheidung spürbar sein. Welche Spur trägt die Präsenz? Welche Form ist notwendig? Wo darf die Lesart kippen? Und welche Stelle erklärt bereits zu viel?

Eine kurze Prüfung kann helfen:

  • Bleibt die Arbeit auch ohne Kenntnis des Ausgangstiers bildnerisch tragfähig?
  • Entsteht Präsenz durch Form, Rhythmus und Material statt nur durch Titel oder Erklärung?
  • Gibt es eine präzise gesetzte Spur, an der die Wahrnehmung ansetzen kann?
  • Erlaubt das Bild mehrere Lesarten, ohne beliebig zu werden?
  • Wurde vertraute Tiersymbolik hinterfragt statt automatisch übernommen?

Das Ziel ist nicht, jede Verbindung zu verbergen. Es geht darum, einen Zwischenraum zu schaffen: genug Nähe, damit etwas Lebendiges spürbar wird, und genug Offenheit, damit das Bild nicht in einer einzigen Benennung endet.

Tierische Resonanzräume bei Nataloma Art

In den Bildwelten von Nataloma Art können Tiere neben Natur, Wasser, Weiblichkeit und organischen Formen als Resonanzräume erscheinen. Flow, Vermischung, Instinkt und bewusstes bildnerisches Chaos bieten Möglichkeiten, tierische Gegenwart nicht nur abzubilden, sondern in Bewegung, Spannung und Material zu übersetzen.

Gerade in der Abstraktion darf eine Form zwischen Körper und Landschaft, Nähe und Entfernung, Schutz und Offenheit wechseln. Vielleicht bleibt nur eine Spur, eine gespannte Kontur oder ein Rhythmus, der an etwas Lebendiges erinnert. Darin liegt keine Unvollständigkeit. Es ist eine Einladung, genauer zu sehen und die eigene Wahrnehmung als Teil des Werkes zu verstehen.

Transparenzhinweis

Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt und vor der Veröffentlichung redaktionell geprüft, überarbeitet und freigegeben.